5 Ideen, wie man mehr aus der TV-Übertragung der #tddl16 machen könnte

Tweets einblenden, Bachmann-Preis-App, weniger Jury-Gelaber – es gäbe viele Möglichkeiten, den Bachmann-Preis aufzuwerten
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Derzeit liege ich krankgeschrieben im Bett und konnte deshalb gestern erstmals eine Live-Übertragung des Ingeborg-Bachmann-Preises aus Klagenfurt schauen.

Lesungen besuche ich gern und ich liebe Literatur – aktiv und passiv. Und um die Qualität der Texte und ihren Unterhaltungswert soll es hier auch nicht gehen, aber: Meine Güte, ist das eine zähe Veranstaltung. Ich meine damit sowohl das Format, als auch die Übertragung selbst. Die Moderation ist unbeholfen, die Texte schlichtweg zu lang, die Jury tut so, als wäre es ein Filibuster, und hört nicht auf zu reden, eine minutenlange Kamerafahrt, die den Notausgang inszeniert. Die Zuschauer… waren das überhaupt Zuschauer oder hat man da Schaufensterpuppen hingesetzt?

Es ist unverständlich, dass Poetry Slams einen schlechteren Ruf haben als die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, zumal das Niveau der Bachmann-Texte heute kaum höher war als das bei einem durchschnittlichen Meisterschaftsfinale der deutschsprachigen Poetry Slam-Szene.

Dabei könnte die Übertragung einer Literatur-Show durchaus unterhaltsamer gestaltet werden. Wer einmal bei einer Lesung von Benjamin von Stuckrad-Barre war, weiß, wie Rock’N Roll eine Lesung sein kann. Klar, ich verstehe, Elfenbeinturm und so, der altehrwürdige Literaturbetrieb ist nicht RTL, sondern Hochkultur.

Aber wenn man sich einmal den Impact der #tddl16 in Social anschaut, merkt man, dass der Bachmann-Preis nicht nur was für Wasserglas-Lesungs-Puristen ist. Der Bachmann-Preis ist längst Mainstream, eine crossmediale Veranstaltung, nur die Übertragung kommt noch daher, wie der ESC 1975.

Quelle: ritetag.com

Quelle: ritetag.com

Das sollte man ändern

In der Eröffnung gab es ein Plädoyer für riskantere Texte. Ich plädiere für eine „riskantere“ Übertragung.

Hier kommen fünf Ideen, wie man die Übertragung der #tddl16 ein wenig spannender machen könnte, ohne den Fokus auf die Texte des Bachmann-Preises zu verlieren.

Tweets in die Übertragung einbinden

Die obige Analyse des Hashtags #tddl16 sagt alles. Die Zuschauer fiebern (oder gähnen) mit und unterhalten sich in großem Umfang in den sozialen Medien darüber. Mehr kann sich eine Veranstaltung gar nicht wünschen. Doch dieses Potenzial wird von Veranstalterseite kaum genutzt.

Eine Möglichkeit wäre es, ähnlich wie bei den Festival-Übertragungen von EinsPlus und Co., Tweets während der Texte und Jury-Bewertungen einzublenden.

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Literatur-Puristen werden jetzt die Nase rümpfen. Aber was spricht dagegen? Anders als zum Beispiel Zwischenrufe stören eingeblendete Tweets den lesenden Autor nicht.

Die #tddl16 sind längst im Social Viewing angekommen. Ich bin mir sicher, dass es in der Übertragung zur Unterhaltung beitragen würde. Schaut man sich die Tweets auf Tagboard an, kann ich mir sehr gut vorstellen, den einen oder anderen Tweet über die Leinwand flimmern zu sehen.

Eine weitere Möglichkeit: Der offizielle Account der #tddl16 bereitet für jeden Text zwei oder drei Visuals mit Zitaten aus den Texten vor, die an entsprechender Stelle gepostet werden. Auch diese Tweets könnte man einblenden mit der entsprechenden Call To Action. Schließlich erhalten Bilder auf Twitter bis zu 35 Prozent mehr RT.

 Kürzere Texte und Social Media-Barometer

Das ist jetzt vielleicht mein ganz persönliches Problem und vielleicht verbringe ich zu viel Zeit auf Twitter und Poetry Slams, was mich für Texte verdirbt, die länger sind als 140 Zeichen oder fünf Minuten, aber die Passagen waren schon arg lang. Nach spätestens 15 Minuten ging mir die Luft aus, da konnte mich noch nicht mal mein persönlicher Favorit Selim Özdogan mehr fesseln.

Und nein, fragmentierte Texte wie von Bastian Schneider halfen da auch nicht wirklich. Mein Vorschlag wäre hier, die Lesezeit zu begrenzen: 15 Minuten, mehr nicht, nach 15 Minuten wird das Mikro langsam abgedreht. Ist der Text noch nicht zu Ende, können die anwesenden Zuschauer via Applaus entscheiden, ob die Autor*innen zu Ende lesen dürfen.

Eine weitere Möglichkeit wäre, ein Facebook-Live- bzw. Periscope-Feature zu übernehmen. Was bei Periscope die eingeblendeten Herzen sind, sind bei Facebook Live die Reactions, die durch die Übertragung flimmern: Eine Echtzeit-Messung des Zuspruchs, den die Übertragung gerade in Social Media hat.

In ein solches Barometer könnte man auch einfließen lassen, was zu den einzelnen Autor*innen getwittert wird. Der Hashtag #Schneider zum Beispiel hatte während seines Textes Hochkonjunktur.

Es ist nur ein Detail, aber gibt den Zuschauenden die Chance, ihre eigene Meinung mit der der anderen abzugleichen, ohne den Blick vom Fernseher oder Laptop-Bildschirm zu nehmen. Bei Snapchat sind sie ja immerhin.

Offensichtlich mögen Leute die Katzen-Übertragung

Offensichtlich mögen Leute die Katzen-Übertragung

3  Video-Installationen und GoPro

Man muss es den Menschen beim ORF / 3Sat ja zu Gute halten: Immerhin versuchen sie es. Vor das Lesepult wurde der Text der Autor*innen Star Wars-mäßig auf den Boden projiziert, im Hintergrund purzeln auf einem unverbindlich in der Gegend herumstehenden 60-Zoll-Fernseher-Buchstaben und es gibt wie beim BundesVisionSongContest vor jedem Teilnehmenden einen Einspieler.

Da es ohnehin keine Autorenportraits waren, sondern irgendwas zwischen Videokunst und Musikvideo, könnte man diese Idee ausweiten: Warum nicht die Lesenden vor eine die volle Bühnenbreite und -Höhe einnehmende Video-Installation setzen, die die Autor*innen im Vorfeld mit Videokünstlern ausarbeiten? Gerade der Serbien-Text wäre dafür prädestiniert gewesen.

Und dass Literatur und Video wunderbar zusammen funktioniert, beweisen Projekte wie Großraumdichten schon seit Jahren. So hätte die Regie noch mehr Schnittmöglichkeiten und die Bühne sähe nicht mehr so ganz nach Schulfernsehen aus. Dazu noch ein paar GoPros im Studio verteilt, direkt am Lesepult zum Beispiel, aus dem Zuschauerraum heraus oder bei der Jury. Ich meine, es ist Fernsehen. Nicht Radio. Oder live. Da darf man schon mal ein bisschen was probieren.

Redezeit der Jury verkürzen und um Zuschauer ergänzen, die in Social gecasted wurden

Wie man den Analytics entnehmen kann, sind die #tddl16 eine Show, die vor allem in Social Media rezipiert wird. Die Texte werden auch im Netz bewertet und heiß diskutiert. Und nicht nur die: Es sind vor allem die Jury-Bewertungen, die polarisieren. Mein Eindruck von gestern: Da ist viel Willkür dabei. Teils versucht die Jury, auf Gedeih und Verderb Bedeutung beizumessen, dann wird bei jenem wiederum etwas bekrittelt, was bei den vorigen noch ok war, kurz: 90 Prozent dessen, was die Jury nach dem Text sagt, klingt redundant.

Die Jury nimmt meiner Meinung nach auch viel zu viel Raum in der Übertragung ein. Das führt dazu, dass sie mehr reden als sie müssten. Vorschlag: Jedes Mitglied der Jury bekommt zwei Minuten, um den Text zu bewerten und darf danach mittels Tafeln (Zahlen von 1-10, Smileys oder Daumen) seine Meinung noch einmal visuell kundgeben. Schließlich sind die Begründungen in ihrer jetzigen Form häufig so verkopft, dass weder den Autor*innen noch den Zuschauern ein informativer Mehrwert entsteht.

Zusätzlich könnte man die Jury um zwei oder drei Personen aus Reihen der Zuschauer ergänzen. Im Vorfeld könnte via Social Media entsprechend gecasted werden. Da meiner Meinung nach Literatur nicht nur von Germanistik-Studierenden verstanden werden sollte, würden „Laien“-Juroren helfen, den Text auch aus Sicht des Publikums einzuordnen.

Wie man dieses Prozedere in die Endabstimmung bei Preisvergabe einfließen ließe, müsste noch überlegt werden. Aber die Zuschauer hätten zumindest so innerhalb der Jury Identifikationsfiguren, was der Conversation in Social sicherlich noch zuträglich wäre.

 Den Second Screen mit einer #tddl16-App übernehmen

Ich habe gerade im App-Store nachgeschaut: Es gibt keine Bachmann-Preis-App. Dabei sehe ich gerade hier eine Menge Potenzial. Nicht nur kann man dem Hashtag entnehmen, dass die Übertragung derzeit der eigentliche Second Screen ist, mit der App könnte man tatsächlich einen Mehrwert bieten.

Ich stelle mir eine einfache App vor, mit vier Screens, durch die man endlos swipen kann. Auf Screen 1 liefe klassisch der Stream, per Periscope oder Facebook-Live eingebunden, natürlich im Hochformat, mit der Möglichkeit, Herzen und Reaktionen zu vergeben. Auf Screen 2 wäre der Twitter-Stream (à la Storify), der alle Tweets zu den #tddl16 sammelt. Auf diesem Screen kann man natürlich selber an der Unterhaltung teilnehmen.

Screen 3 hätte Infos zum jeweilig Lesenden plus Verlinkungen zu den Profilen und auf Screen 4 liefe der Text teleprompter-artig in der Lesegeschwindigkeit mit. Das ist inspiriert von der bisherigen Übertragung, bei der man sehr viele Zuschauende sieht, die den Text ausgedruckt vor sich haben. Das könnte man mit einfachen Mitteln auf die Smartphone-App übertragen.

So könnte eine #tddl App aussehen

So könnte eine #tddl App aussehen

Bonus-Idee: 6 Clemens J. Setz‘ Tweets zur offiziellen #tddl16-Expertenrunde à la Mehmet Scholl erklären

Das sind meine Ideen, wie man die Übertragung der #tddl16 pimpen könnte.

Aber das ist nur meine Meinung. Wie siehst du das?

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Ich berate bei VIRTUE Austria in Wien internationale Unternehmen rund um ihre Social Media-Strategien. Privat blogge ich über Schönes und Absurdes.
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