Sie sehen sich auf Ihrem Twitter-Account plötzlich einer Horde Fake Accounts ausgesetzt, die Sie nicht wieder loswerden? Mit dieser kostenlosen Alternative zu teuren Tools können Sie tausende Spam-Follower auf Twitter auf einmal blocken (direkt zur Anleitung). Ich spreche aus Erfahrung: Im Juni hatte ich innerhalb weniger Tage fast 70.000 Fake Follower am Hals.

Schätzungen zufolge sind 7 Prozent aller Twitter-Accounts Spam-Bots – in absoluten Zahlen sind das knapp 22 Millionen Fake Accounts. Gerät man ins Visier dieser Bots, kann es einem die Twitter-Laune gehörig verhageln.

Vor allem dann, wenn man den Kanal geschäftlich nutzt. Twitter-Accounts, die sich nicht für Ihren Content interessieren, geschweige denn mit ihm interagieren, bringen nichts. Und der Reputation ist eine schlechte Fake Follower Ratio auch nicht dienlich: Ist die Mehrheit der eigenen Followerschaft nicht echt, kann das potenziell geschäftsschädigend sein.

Es kommt nicht auf die Größe an

Auch, wenn für viele Entscheider die Zahl der Follower immer noch das Maß aller Dinge ist: Der Kauf von Followern ist einer der größten Fehler, den man als Betreiber eines Social Media-Accounts machen kann. Weniger Follower sind immer besser als die falschen. Fliegt man auf, ist häufig ein Imageschaden die Konsequenz. Zumal das jeder mit gängigen Tools überprüfen kann.

Doch eine hohe Zahl an Spam-Followern lässt nicht zwingend einen Rückschluss darauf zu, dass der Account sie auch gekauft hat. Massen an Spam-Followsings sind gar nicht so ungewöhnlich. Beispielsweise ist es möglich, dass jemand sich einen Spaß erlaubt. Fake Follower zu kaufen ist für jedermann möglich. Das geht bereits bei knapp zwei Euro los. Selbst für einen Prank unter Kumpels ist das nicht zu teuer. Oder aber, wie im Falle eines Schweizer Politikers, es steckt die Absicht dahinter, die Glaubwürdigkeit eines Accounts zu untergraben. Ein durchaus beliebter Modus Operandi. Dem Twitter-Acount The Daily Dot wurde so in einem Akt der Rache mehr als 86 Prozent Fake Accounts untergejubelt, und auch das Blog emoderation vermutet hinter ihrer Spamflut foul play.

Aber egal, ob Opfer einer Spam-Attacke oder eines persönlichen Angriffs: Das Ziel ist, sie wieder loszuwerden. Und das ist nicht so einfach.

Geht es nur um ein paar Dutzend Accounts, kann man sie natürlich einzeln blockieren (wodurch sie Ihren Account gezwungenermaßen entfolgen). Aber ab einer gewissen Zahl an Follows ist das keine praktikable Lösung mehr.

Wenn auf Twitter die Deiche brechen

Vor kurzem wurde mein Account zum Ziel einer solchen Spam-Follow-Attacke, so dass ich mich der Frage stellen musste, wie man tausende Accounts auf einmal blocken kann, ohne sich wund zu scrollen. Innerhalb von 10 Tagen folgten mir aus dem Nichts fast 70.000 Fake-Accounts. Ob ich zufällig ins Visier geriet oder es sich wie im Falle von The Daily Dot um eine gezielte Attacke handelte, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass ich sie nicht gekauft habe. Beim günstigsten Spamhändler hätte diese Anzahl an Fake Followern knapp $ 600 gekostet. Das wäre mir definitiv zu teuer für eine redundante Followerschaft.

Screenshot meiner Twitter-Analytics, nachdem ich einen Großteil blockiert hatte
Screenshot meiner Twitter-Analytics, nachdem ich einen Großteil blockiert hatte

Vor der Attacke stand mein Followcount stabil bei knapp 4.475 Followern. Hätte ich die meisten Bots nicht zwischendurch blocken können, wäre ich mittlerweile bei über 70.000 Followern – davon 80 % Spam-Accounts. Für jemand, der Social Media beruflich betreibt, eine Katastrophe. Schließlich kann man kaum beweisen, dass man die Follower nicht gekauft hat. Der Verdacht steht im Raum.

Immer noch blockiere ich täglich bis zu 5.000 Spam-Bots. Ich stand während der ersten Wellen der Attacke in ständigem Austausch mit meinen Kontakten bei Twitter. Sie halfen mir zwar, einige der Fake Accounts zu löschen – gegen die Attacke selbst konnten sie allerdings nicht viel ausrichten. Twitters Stellungnahme:

„We have looked into the new followers and have resecured those accounts and removed their friendship. Unfortunately, there is little that can be done to prevent accounts from following one another, and the only option would be for the account to move to a Protected account (which is not the most viable option, being a Verified account).“

Die Spam-Händler garantieren 100prozentige Anonymität, und Fake Follower verstoßen nicht gegen die Geschäftsbedingungen.

Die Frage war also:

Wie blocke ich tausende Fake Follower auf einmal?

Leider gibt es derzeit keine All-in-one Lösung für dieses Problem. Apps wie Twitblock oder Followers Be Gone funktionieren nicht mehr – und auch die Subskriptions-Anwendungen bieten keine verlässliche Massenblock-Lösung oder sind sehr teuer.

Während meiner Recherche bin ich allerdings auf einen kostenlosen Workaround gestoßen, den ich im Folgenden beschreiben werde. Mit dieser Alternative zu kostenpflichtigen Tools können Sie

  • auf einen Schlag tausende Fake Follower blockieren

Anschließend stelle ich noch (kostenpflichtige) Lösungen vor, die helfen, neue Spam-Follows zukünftig zu verhindern.

So werden Sie Spam- und Fake-Twitter-Follower wieder los

Wir nutzen dabei eine hauseigene Funktion von Twitter. Seit einiger Zeit bietet der Dienst die Möglichkeit, Blockliste zu importieren (und natürlich auch zu exportieren). Das heißt: Sie können eine CSV-Datei, die die Account-IDs der Follower enthält, die Sie loswerden möchten, hochladen. Mit einem Knopfdrüuck können Sie so um die viereinhalb Tausend Accounts auf einmal blockieren.

Allerdings fehlt bei Twitter die Funktionalität, die Account-IDs zu exportieren. Um teure Apps zu umgehen, nutzen wir das Google Script Export Friends and Followers v3.2 von Martin Hawkseye. Sie benötigen dafür einen Google-Account. Die Einrichtung und Erstausführung ist etwas aufwändig, aber angesichts der Tatsache, dass Sie bis zu fünftausend Spam-Follower auf einmal blocken können, lohnen sich die Mühen.

Das sind die Schritte*, die Sie durchführen müssen:

Rufen Sie das Google Sheet auf.

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Legen Sie eine Kopie an (Datei > Kopie erstellen). Klicken Sie auf den neuen Menüpunkt Twitter und wählen Sie „Configure“. Eine Autorisierung durch Ihren Google-Account ist notwendig – führen Sie die Schritte durch.

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Nun müssen Sie das Script mit Twitter verbinden. Das Script benötigt dabei zwei Werte: Die API-Key und Secret. Dafür müssen Sie in Ihrem Twitter-Account eine App registrieren. Das ist sehr einfach und kostet nichts – eine Anleitung finden Sie hier. Halten Sie sich dabei an die geforderten Angaben (zum Beispiel die richtige Callback-URL) im Script-Fenster.

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Wenn Sie Ihren API Key und Secret haben, kehren Sie in das Tab mit dem Script zurück und tragen Sie die Werte ein. Im nächsten Schritt müssen Sie nun die App durch Ihren Twitter-Account autorisieren lassen, wie es bei Drittanbieter-Anwendungen Usus ist. Wahrscheinlich öffnen sich dabei zwei neue Tabs – nach der Erfolgsmeldung können Sie sie schließen. Auch die Autorisierungs-Aufforderung im Script können Sie mit einem Klick auf das Kreuz schließen. Das Script ist jetzt bereit.

Sie können nun die Verbindung prüfen durch die Menüauswahl Twitter > Test Connection. Wenn alles passt, können Sie jetzt damit los legen, die Account-ID Ihrer Follower zu exportieren.

Klicken Sie im Menü dafür auf Twitter > Get Followers.

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Je nach Größe Ihres Accounts können Sie sich jetzt in Ruhe einen Kaffee holen oder ein paar Dutzend Spam-Follower manuell blocken. Das Script gibt die Informationen der exportierten Follower im Arbeitsblatt „Followers“ aus. Dabei erfasst das Script unabhängig von der Größe des Accounts bis zu 5.000 IDs pro Durchgang, was in etwa der Datengröße der Blocklisten entspricht, die man aus Twitter exportieren kann.

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Sie finden nun eine Tabelle vor, die alle wichtigen Angaben Ihrer Follower auflistet: @-Benutzername, Bio, Datum der Registrierung, Ort. Das Wichtigste aber ist die erste Spalte: Die User-ID.

Fall Sie wie ich in einem Rutsch mit Fake Followerin in fünfstelliger Höhe zu tun hatten, dann können Sie die komplette Spalte einfach kopieren. Aber vorsicht: Im Zweifel erwischen Sie auch „unschuldige“ Accounts, wie Freunde, Unternehmen, Geschäftspartner. Nutzen Sie die Filterfunktion von Google Spreadsheets: Filtern Sie zum Beispiel nach Followerzahl. Spam-Accounts haben in der Regel eine Followerzahl im einstelligen bis sehr niedrigen zweistelligen Bereich. Oder scrollen Sie durch, bis Sie auf Accounts treffen, die Sie kennen oder die vertrauenswürdig erscheinen. Da die Follower chronologisch erfasst werden, können Sie ab hier dann löschen.

Treffen Sie Ihre Auswahl und kopieren Sie die IDs in ein Excel- oder anderes Google-Spreadsheet. Speichern Sie das Tabellenblatt als CSV-Datei ab.

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Rufen Sie jetzt Ihren Twitter-Account auf. Gehen Sie in die Einstellungen. Wählen Sie Erweiterte Optionen > Eine Liste importieren und suchen Sie auf Ihrer Festplatte die CSV-Datei.

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Beachten Sie dabei, dass die CSV-Datei nicht größer als 51 kb sein darf – mehr als fünftausend IDs auf einmal kann man nicht imporiteren. Trennen Sie die IDs nach Bedarf auf und führen Sie den Import mehrfach durch.

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Klicken Sie jetzt auf Blockieren. Der folgende Prozess braucht je nach Größe der Liste einige Zeit. Lassen Sie sich von etwaigen Fehlermeldungen nicht stören. Wiederholen Sie den Import der selben Liste so lange, bis er alle IDs als geblockt meldet.

Das war’s! Sie sollten jetzt Ihre Spam-Follower wieder los sein.

Ein paar Nachteile hat dieser Prozess trotzdem:

  • Twitter begrenzt, wie oft Sie täglich Blocklisten importieren können
  • Führen Sie das Script zu oft durch, streikt es aus verschiedenen Gründen bisweilen

Nichtsdestotrotz ist diese Lösung die einzige bekannte und kostenlose Möglichkeit, Spam-Follower en masse loszuwerden.

Aber was, wenn das Spam-Follow-Aufkommen nicht aufhört?

Dieses Problem hatte ich auch. Ich konnte bislang nur eine kostenpflichtige Lösung finden – die aber hervorragend funktioniert und bislang eine 95prozentige Treffsicherheit hat (was das bei täglich bis zu 4.000 neuen Spam-Followern ausmacht, können Sie sich ja ausrechnen).

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Es handelt sich dabei um die Fakers App von StatusPeople. In der kostenfreien und Basis-Variante macht die App nicht viel mehr als TwitterAudit: Sie gibt einem eine Fake Follower Ratio aus. Die Premium-Variante (die ca. 15 Euro/monatlich kostet) kann jedoch viel mehr. Sie hat eine Autoblock-Funktion, die auf Basis eines Algorithmus alle neuen Follower blockt, die in ein Spam- oder Fakemuster passen. Nach nur wenigen Stunden hatte die App bereits weit über tausend Spam-Follows abgewehrt. Meine Stichprobe ergab, dass sie gerade mal in 40 Fällen daneben lag. Eine gute Quote, wenngleich man mitunter die Falschen trifft (Sie können diese Accounts problemlos wieder entblocken). Und das Gefühl, zu wissen, dass die App im Hintergrund aufpasst und das Schlimmste verhindert, ist eh unbezahlbar.

Im Preis-Leistungs-Verhältnis etwas schlechter abschneidend, aber ebenfalls sehr leistungsfähig ist die App ManageFlitter. Sie dient vor allem dem Wachstum, enthält aber auch Funktionalitäten, die bei Spam-Vorfällen benutzt werden können.

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Ganz besonders der Power Mode hat es mir angetan, der nicht nur für kleinere Block-Eskapaden nützlich ist, sondern auch in vielen anderen Situationen praktisch sein kann: Mit entsprechend gesetzten Filtern wie Users following you, Not Talkative, Profile Image, Unprotected oder Tweets per Day kann man seine Followerschaft auf Details herunterbrechen, die man für verschiedene Zwecke verwenden kann. Einen Pro-Account enthält man ab 12 Dollar im Monat (Affiliate-Link). Anders als bei der Fakers App sind automatisierte Funktionen allerdings zusätzlich kostenpflichtig, nur einer der Gründe, weshalb ich die App nicht uneingeschränkt empfehlen kann.

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In einer ähnlichen Preisklasse spielt Tweepi, deren Dienst eine Mischung aus den vorherigen Apps darstellt. Sie hält im Prinzip die selben Analyse-Tools bereit wie die anderen und bietet ebenfalls die Möglichkeit des Blockierens (oder wie die App es nennt: „Force unfollow„). Wie bei ManageFlitter muss man auch hier jeden User manuell anklicken – das funktioniert aber deutlich besser als bei den Kollegen, und ohne nervigen Zwischenschritt. Man kann es quasi nebenher machen, beim Netflixen oder der Tagesschau. Allerdings fehlt auch hier die praktische Autoblock-Funktion, die Fakers hat. Dafür ist sie in der Silber-Edition, die aus meiner Sicht völlig ausreicht, deutlich günstiger. Für 7,19 € monatlich ist Tweepi eine mögliche Ergänzung zur Fakers App, mehr aber auch nicht. Zumal Tweepi mit der Funktion des forced unfollowings nicht dauerhaft blockiert: Der Block wird umgehend wieder aufgehoben, theoretisch könnte der gleiche Bot in der nächsten Welle wieder drin sein.

Fazit

Es ist mittlerweile gang und gäbe, dass soziale Netzwerke mit Drittanbieter-Apps eine bessere User-Experience bieten. Dass man im Falle eines Spam-Angriffs aber auf eine fremde App angewiesen ist, damit Twitter überhaupt noch benutzbar ist, ist bedauerlich. Hat man das Pech, sich ausgiebigen Spam-Angriff ausgesetzt zu sehen, bleibt einem derzeit zum einen nur die oben beschriebene, recht aufwändige Lösung mit dem Script. Der Aufwand lohnt sich aber, weil sie die einzige Möglichkeit ist, Spam-Follows en masse zu blockieren. Will man zukünftigen Spamfolgern vorbeugen, kommt man an einer kostenpflichtigen App nicht vorbei. Vor allem für verifizierte Accounts, die sich nicht kurzfristig durch einen Protected-Modus schützen können, lohnt sich das.

*Ich schildere hier meine persönlichen Erfahrungen mit den genannten Tools. Verwendung der Tools auf eigene Gefahr. Für etwaige Datenverluste oder andere Schäden haften weder der Script-Autor noch Socializm. 

  1. manuel
    Okt 12, 2016

    Jetzt verstehe ich auch, warum ich geblockt wurde. Schade für mich…

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    • Misha
      Dez 22, 2016

      Was ist denn dein Twitter-Handle?

      Reply